Hinter mir liegt mein erster längerer Urlaub in Dänemark, Kolding und Kopenhagen. Mit Dänemark habe ich eine schöne Geschichte aus DDR-Zeiten: Wir haben damals regelmäßig im Sommer von Hiddensee aus bei Westwind einen aufgepusteten Badeball mit unserer Anschrift aufs Meer losgeschickt, und viele davon sind bestimmt von den Grenzern auf See eingesammelt worden, aber einer hat’s nach Møn geschafft. Eine dort urlaubende dänische Familie schrieb uns an, und wir hatten per Post Kontakt bis zum Mauerfall. Und dieser Mauerfall hat es uns schließlich ermöglicht, diese wirklich sehr netten Leute Anfang der 1990er in Kopenhagen zu besuchen. Jetzt, 35 Jahre später, komme ich mal wieder ins Land und in die Stadt.

Was ist mir (mit meinem begrenzten Urlauber-/Touri-Erlebnishorizont) aufgefallen?

Nette Leute
Wirklich. Alle Leute, die im weitesten Sinn was mit dem Dienstleistungssektor zu tun haben, haben mich und uns hier ausgesprochen nett und freundlich behandelt. Und alle anderen auch.

Fahrräder
Nicht nur Kopenhagen ist voll von Fahrrädern und Menschen, die sie fahren. Es gibt teilweise eine eigene physische Infrastruktur für den Radverkehr, und so wie ich das einschätze, würde ein Auto auf der Fahrradspur nicht lange dort stehen. Ich habe beim Überqueren der Straße mehr auf Räder als auf Autos geachtet, weil sie viel schneller und agiler sind. Grundsätzlich muss man sich als Fußgänger:in keine Sorgen machen, von irgendeinem Rad übergebügelt zu werden, und auf dem Rad hat man seine eigenen Spuren in der Stadt. Eine sehr gute Lösung.

Brot/Brötchen
Dänemark ist ein Brot- und Brötchenparadies. Unser Bäcker um die Ecke in Hamburg ist sehr gut. Aber die dänischen Backwaren sind ein echter Knaller. Egal ob als Basis für’s Smørrebrød oder als Frühstücksbrötchen. Ich werde hier einiges von dem vermissen, was wir dort zum Frühstück auf dem Teller hatten.

Preise
Dänemark ist teurer als Deutschland, schon allein deswegen, weil es dort keine wie hier abgestufte Mehrwertsteuer gibt. Wenn man das ins Urlaubsbudget einplanen kann, kommt man klar.

Deutsche
Ab und zu hört man Deutsche, gefühlt in Kopenhagen mehr als in Kolding. Nach meiner Beobachtung eher Familien mit schulpflichtigen Kindern als Leute in den 20ern oder 60ern. Unangenehm berührt war ich nur einmal in Kopenhagen; meine Frau fasste die Situation treffend zusammen mit: “Dass Leute Geld haben, macht sie nicht automatisch sympathisch.”

Kartenzahlung
Apropos Geld. Wir sind knappe zwei Wochen durch Dänemark gelaufen, ohne eine einzige Dänische Krone in der Hand gehabt zu haben. In Dänemark kann man alles mit der Karte bezahlen. Auch das Bahnhofsklo in Kopenhagen (5 Kr/67 ct). Mein Gefühl dazu war das eines kompletten finanziellen Kontrollverlusts. Man hält einfach überall seine Karte (ich: mein Telefon) ran, ein Bier, ein Einkauf bei Meny, ein Besuch auf dem Dach eines Hochhauses, und dann wird das alles abgebucht. Für mich als jemanden, der - aus Gründen - einen centgenauen Kontenüberblick anstrebt, ist das ein Alptraum. Es gibt ja auch nirgends eine Quittung.

Apps
Gleiches gilt für Apps: Fahrkarte kaufen/vorzeigen: App. Hotel buchen, einchecken, Fahrstuhl freischalten (!), Zimmer aufmachen (!!), auschecken: App. Audio Guide in der Ausstellung: App. Ohne Smartphone wird das schwierig in Dänemark.

Dannebrog/Split Flag
Sie habe es mit der Flagge. Es gibt strenge Regeln, welche Flaggen überhaupt aufgezogen werden dürfen, der Dannebrog - also die rechteckige Nationalflagge - darf jedenfalls nicht nachts unbeleuchtet am Mast hängen, und der Schwalbenschwanz ist dem Staat und der Königsfamilie vorbehalten, sowie dem Königlichen Yachtclub, der aber viele Mitglieder zu haben scheint, denn ich habe ihn an vielen Booten gesehen.

Ordnung/Sicherheit
Zumindest dort, wo wir waren, war es sauber und ordentlich. Ich glaube, die soziale Kontrolle funktioniert in Dänemark deutlich effektiver als in Deutschland. Vielleicht auch, weil das Land deutlich kleiner ist. Sechs Millionen Einwohner:innen, das sind Berlin, Hamburg und halb München, aber eben ein bisschen weiter verteilt.
Ich habe auf einem Bahnhof eine Szene gesehen, da schmiss jemand was auf den Boden, das in einen Müllbehälter gehört hätte. Ein Bahner beobachtet die Szene, ging auf den Typen zu, zeigte stumm mit seinem Finger auf das Ding am Boden und ging. Der Typ nahm seinen Müll genervt, aber ohne Widerworte wieder auf. In Hamburg hätte sich der Bahner einen Stinkefinger eingefangen.

Metro
Die einzige U-Bahn des Landes fährt in Kopenhagen, und zwar vollautomatisch und in einer unvorstellbaren Taktdichte. Wir haben nie mehr als 2 Minuten auf eine Bahn gewartet. Die Anzeige der kommenden Züge erfolgt in 30-Sekunden-Auflösung. Ich wüsste zu gern, wie dieses automatische System gesteuert wird und wie es mit Not- und Ausnahmefällen (jemand zieht die Notbremse) umgeht.
Betriebsfremde Personen im Gleis - wer in Hamburg kennt es nicht - werden durch eine sehr einfache Maßnahme ausgeschlossen: Plexiglasbarrieren mit eingebauten Türen parallel zum Zug in jeder Station.

Joggen
Massen von Menschen joggen im dichtesten Gewusel durch die Stadt. Wie sie zwischen den anderen Menschen, Rädern und Autos hindurchfinden, habe ich nicht aufklären können.

Architektur
Für Architekturfreund:innen scheint mir Dänemark ein interessanter Ort zu sein. Aarhus und Kopenhagen haben diesbezüglich richtig interessante Ausblicke zu bieten, und ich denke, auch im restlichen Land wird es da einiges zu sehen geben.

Spiele
Spiele-Cafés, Spiele wenn man irgendwo sitzt, Spiele im Hostel. Ich habe in Dänemark sehr viele Leute spielen sehen: Schach, Backgammon, Kniffel, Siedler, Kartenspiele. Restaurants stellen Spiele auf den Tisch, Leute holen Spiele aus der Tasche, wenn sie im Café sitzen. Scheint ein Ding zu sein.

SB-Gastro/Flindt & Ørsted
Dänemark kam mir gastronomietechnisch sehr entgegen: Ganz viele Cafés oder kleinere Restaurants laufen mit Selbstbedienung. Man geht zum Tresen, bestellt, bekommt, bezahlt. Im Ausnahmefall bekommt man nicht sofort, sondern später am Platz, auch OK. Bezahlt habe ich immer an der Theke. Das fand ich hervorragend.
Geheimtipp CPH: Café Flindt & Ørsted. Gemütlich im Park, viele Locals im Laden, tolle Lage mit Ausblick, sehr entspannt und easy. Ich mochte es da sehr gerne.

Vielfalt
Wir waren in der Zeit der Pride Week in Kopenhagen, da ist Vielfalt natürlich per se Programm. Aber unabhängig davon - die Idee von leben und leben lassen, die Idee von Toleranz, alle minden ihr Business und lassen die anderen so machen wie sie meinen - die scheint mir in Dänemark doch sehr viel deutlicher ausgeprägt zu sein als in Deutschland: “Letzter Abend in diesem großen Hostel-Gemeinschaftsraum, in dem Leute verschiedenster Natur kommen, gehen, Schach, Karten oder am Handy spielen, essen, trinken, Kontakte knüpfen, für sich sind, arbeiten, ein- oder auschecken, kickern, stricken, Musik hören oder den Tag Revue passieren lassen. Ich mag die Vielfalt und die Friedlichkeit dieses Ortes. Er wird mir ein bisschen fehlen.”

Dänen lügen nicht
Und was könnte ein Volk sympathischer machen?